Ich habe vor einiger Zeit ein interessantes Gespräch (inklusive Gin Tonic) mit einem Kerl geführt, den ich über Ecken kannte und der ebenfalls einige Getränke Intus hatte. Er hatte sich von seiner Frau getrennt, seinen öden Job gekündigt und war durch Südamerika gewandert.
Er hat mir von der Blase erzählt, die unser Leben ausmacht.
Ich weiß nicht, aus welcher philosophischen oder religiösen Richtung er diese Überlegung hatte, oder von welchem Youtubekanal, aber ich weiß, dass ich sie als Bild für viele Dinge in unser aller Leben schön und schlüssig finde.

Wir alle leben in einer Blase. Sie macht unseren Radius aus, das, was wir regelmäßig tun. Wir können uns in unserer Blase sicher und gut bewegen. Die Blase, das sind wir.
Je näher wir dem Rand unserer Blase kommen, desto weniger selbstsicher sind wir und am Blasenrand ist Schluss. Terra Incognita. Neuland.
Wenn wir auch am Rande unserer Blase selbstsicher sein wollen, dann müssen wir sie vergrößern, Neues tun, einen Schritt aus unserer Komfortzone hinauswagen. Ein Abenteuer wagen.
Wir werden nicht immer erfolgreich sein, aber nachher wissen wir, dass wir es verdammt nochmal versucht haben, wissen, dass wir es beim nächsten Mal besser machen können und werden.
Wenn wir aber in unser Blase verharren, dann kann sie auch schrumpfen und zu einem Gefängnis werden. Man traut sich immer weniger zu, wir immer passiver, gar depressiv. Die durchsichtige Oberfläche, hinter der sich die ganze Welt tummelt und zum Erobern einläd, wird trüber, grauer, zuletzt schwarz.
Das könnte man noch alles weiter ausführen, aber die Idee sollte klar sein.

Was hat das mit dem Schreiben zu tun? Alles!

Besonders, wenn man frisch anfängt und denkt, die Welt warte nur auf den ersten Roman, dann irrt man sich meist. Der erste Roman ist vielleicht das beste, was man in seiner Blase schreiben kann. Da aber andere Autoren größere Blasen, mehr Erfahrung, einen reicheren Wortschatz und mehr sprachliche Mittel, zur Verfügung haben, ist beispielsweise ein hingerotzter Goethe noch immer um Klassen besser, als das Beste, was meine Blase hergibt.

Was also tun? Ausbrechen!

Es gibt so viele Möglichkeiten, den Radius zu erweitern. Natürlich gibt es in jedem besseren Schreibratgeber dazu nette Aufgaben. Sich da dran zu setzen erfordert eine gewisse Disziplin, die ich nicht besitze.
Wem das auch so geht, dem würde empfehlen, bei all den kleine und großen Wettbewerben und Ausschreibungen mitzumachen, die es in der reichen Welt des Internets zu finden gibt. Die beste Sammelstelle dafür ist ohne Zweifel die Autorenwelt. Es gibt vielleicht woanders noch einige Wettbewerbe zu finden, aber nicht viele.
Es werden fast immer thematische und quantitative Vorgaben gemacht und man kann etwas gewinnen. Manchmal nur Ruhm und Ehre, manchmal Geld.
Was aber wichtiger ist, ist dass man auf neue Ideen kommt und auch mal, wenn es nur ein paar Normseiten sind, verrückte Perspektiven oder anstrengende Strukturen ausprobieren kann.
Schon einmal eine Geschichte in der Du-Perspektive geschrieben?
Oder in Zukunftsform?
Warum Dialoge nicht einmal im Passiv?

Letzteres habe ich dann auch bei meinem Glückskeksbuch verwendet, um einer Person damit die aktive Stimme zu verwähren, bis sie sich eine Stimme verdient hatte.
Auch Ideen zu Romanen können sich so anschleichen und eine Kurzgeschichte wird zu einer Triologie aufgeblasen.

Wie oben beschrieben, kann man das auch alleine mit seinem Ratgeber und den Aufgaben darin machen, aber ich sehe es wie beim Laufen: Einen Halbmarathon kann ich theoretisch an jedem Tag für mich alleine laufen, im Wettbewerb macht es dennoch mehr Spaß und ich nehme die Herausforderung ungleich ernster. Selbst wenn ich nicht gewinne (was ich nicht tue, nicht einmal in der Rentnerliga), ist die Leistung näher an dem, was mein Optimum darstellt.

Auch öffentliches Lesen erweitert den Horizont und das Selbstbewusstsein.
Ich habe einige Male mit Kurzstoffen auf Bühnen gestanden, was ein ganz anderes Gefühl für die Geschichte an sich und die Wirkung von Sprache vermittelt. Wenn man dieses Gefühl kennt, schreibt man selbstbewusster.
Lesungen generell vermitteln das Selbstbewusstsein, dass man hinter seinem Stoff steht. Oder sitzt.
Man kann auch Online-Lesungen halten, wie die, die ich und andere Autoren für den coolen Wettbewerb der Wortwerke Buchhandlungen gehalten haben. Man ist schutzlos der Kritik oder dem Desinteresse ausgesetzt. Man lernt sich dem zu stellen.

Und das sind nur die Dinge, die das Schreiben direkt betreffen.

Was auch immer Ihr macht, mach mal etwas anderes. Inspiration kommt selten aus ausgelatschten Wegen. Wenn Euch das, was Ihr schon tausendmal gesehen hättet, inspirieren könnte, dann hätte es das längst getan.
Natürlich verlangt keiner, dass jetzt alle ihre Beziehungen trennen, den öden Job kündigen und nach Südamerika wandern gehen sollen, aber Ihr könntet damit anfangen, die kleine Nebenstraße, deren Verlauf Ihr zwar kennt, auf die Ihr aber noch keinen Fuß gesetzt habt, zu nutzen, wenn Ihr zum Bäcker geht.
Ein Anfang.
Der Rest ergibt sich.

Eure Meinung dazu?

Christoph Stark