Samstag, Nachmittag, ein kleiner Seminarraum mit stickiger Luft, ich habe ein selbstgebasteltes Namensschild vor mir stehen. Der giftgrüne Filzstift ist halb ausgetrocknet gewesen, das sieht man. Komisch gerochen hat er auch.
An der försterfarbenen Tafel, die mich an meine Zeit in der Grundschule erinnert, steht eine kleine Frau, eine Schriftstellerin, die ich nicht kannte, von der ich nie etwas gehört hätte, wenn ich nicht diesen Kurs bei der VHS in Köln belegt hätte.
119 Euro, zwei Tage, der Kaffee ist umsonst und man geht gemeinsam in der omahaft anmutenden Bäckerei um die Ecke einen Kuchen (köstlich!) für nochmal 3,50 essen.
Wenn ich planen wollen würde, mit wem ich einen goldenen Herbstsamstag und einen nicht minder schönen Herbstsonntag im Oktober verbringen wollte, ich wählte üblicherweise andere Leute aus als diese. Es sind, neben der ambitionierten Leiterin mittleren Alters, fünf Hausfrauen, die endlich mal wieder schreiben wollen, eine ältere Dame, die noch älteren Damen in Seniorenheimen vorliest, ein Mann in der Midlifecrisis, der ab der ersten Herbstsamstagshälfte das Seminar verlässt, und ein junger Mann Mitte 20, der dank einer schlimmen Krankheit im Rollstuhl sitzt und dank der selben Krankheit sehr, sehr, sehr langsam vorliest.

Das Thema dieses VHS-Seminars ist nicht wichtig, der Stoff findet sich in jedem besseren Schreibratgeber und ich muss heute jedes Mal schmunzeln, wenn ich etwas zu diesem Thema lese – Dieses Thema ist abgehakt und verinnerlicht. Für immer.
Neben dem festen, auch gefühlsmäßigen, Verankern eines Themas durch gemeinsames Bearbeiten, gibt es aber noch viel mehr, was für ein solches Seminar spricht. Etwas, das sich nicht im Schreibratgeber, und sei er auch noch so gut, befindet. Es ist dieser Spirit, der trotz der Miefigkeit der Umgebung jeden hier erfassen muss, es dieses intensive Arbeiten an einem unverhandelbaren Thema, dieses gegenseitige Befruchten und der kreative Diebstahl.

Ich kann jedem Schreiberling nur wärmstens empfehlen, die Webseite des nächsten städtischen Bildungsträgers zu durchforsten, nach Schreibseminaren zu suchen, sei es zur Perspektive, zur Spannungserzeugung oder zum stilsicheren Verfassen von Chicklit. Ich habe einige meiner schlechtesten Texte bei solchen Gelegenheiten geschrieben, einige der schlechtesten Texte gehört, aber selbst ein schlechter Text hat fast immer einen Kern, einen Überlebenstrieb, einen Grund.
Dieser sanfte Gruppendruck einen Text zu verfassen, und sei er auch noch so mies, ihn sogar vor echten Menschen vorzulesen, produziert manchmal eine Perle, die man in all dem Dreck vielleicht alleine nicht findet. Alleine zuhause löscht man die Datei, speichert sie halbherzig, um sie niemals wieder zu öffnen oder zerknüllt den Zettel und notiert auf der Rückseite die nächsten Einkäufe. In der Gruppe bekommt man vielleicht ein Feedback, dass die Grundaussage gut ist, ein Witz oder eine Idee gelungen oder auch nur dass das Setting spannend ist. Damit kann man dann weiterarbeiten.
Außerdem schärft das Kritisieren von fremden Texten auch die Sinne für eigene Fehler.

Davon abgesehen sind das, was man bei VHS oder ähnlichen Veranstaltunge macht,  natürlich fast immer bewährte Schreibübungen, die man auch alleine machen könnte.
Könnte.
Genau das.
Und natürlich könnte man zuhause auch die schlechten Texte anderer auseinandernehmen und dabei lernen. Man könnte und vielleicht gibt es einige, denen das ausreicht, die das mit voller Inbrunst machen, die alleine,  heimlich, still und leise zu Meisterschreibern reifen.
Aber selbst wenn man das machte, wenn das funktionierte, man träfe nie einen Menschen wie die Rentnerin, die sehr simple Kurzgeschichten in Seniorenheimen vorliest, bei Leuten, die sich nicht mehr wehren können, die mindestens 50% der Aufgaben im Seminar nicht versteht, die aber mit ihrer kurzen Geschichte darüber, wie sie ihre Heiligabende seit 10 Jahren mit einem befreundeten Ehepaar auf immer die gleiche, gesellige Art verbringt, den ganzen Kurs rührt.
Das Leben spielt nicht zuhause, es spielt überall. Manchmal am farbenfrohesten in den grauen Räumen der VHS.

Wer kann noch etwas zur VHS sagen?

Christoph Stark