…  heute über den alltäglichen Wahnsinn.

Es ist ein typischer Montagmorgen. Um sieben Uhr klingelt der Wecker meines Handys, ich wische mir die Sabberfäden aus dem Gesicht und blinzle mehrfach, weil ich es wie immer nicht fassen kann, dass die Nacht tatsächlich um sein soll.

Mürrisch stelle ich den Wecker aus (der in zwei Minuten siebenunddreißig erneut losgehen wird, weil ich mich kenne und weiß, dass einer niemals ausreicht) und schlurfe ins Bad. Die ersten drei Minuten des Morgens gehören mir alleine. Auf dem Klo. Yay.
Nachdem ich den Spiegel gekonnt ignoriert habe, führt mein Weg mich ins Kinderzimmer und schon beim Türe aufmachen strahlt mir ein widerlich gut gelauntes Grinsen entgegen, das sich in Form eines kleinen Menschens aufrichtet und mir freudestrahlend “Guten Morgen, Mama! Gut geschlafen?” entgegen brüllt.
Ein “Hmpf” ist meine Antwort und dennoch komme ich nicht umhin, dieses kleine Bündel auf die Arme zu nehmen und ihn halbtot zu knutschen. Meine Laune hat sich definitiv gebessert.
Während ich den Kleinen mit einem Klaps auf den Windelpopo auf den Boden stelle und ihn ins Bad schicke, damit er sich die Zähne putzt – immerhin kann er das mit fast vier schon selbst –, tragen mich meine Beine ein paar Meter weiter zu dem riesigen Holzbett, das in der anderen Ecke des Raumes steht. Ein kurzer Blick darüber verrät mir, dass der andere Windelpupser ebenfalls wach ist und darauf wartet, von mir gewaschen zu werden.
Ich bereite Medikamente und Flaschennahrung zu, während mein Mann dem ganz kleinen Mann Frühstück macht, ehe ich mich mit Waschlappen und Schüssel bewaffne, um den Großen zu waschen.
Als er fertig angezogen und gut riechend in seinem Bett liegt und lautstark anfängt zu lachen, hat meine Laune das zweite Mal einen Energieschub bekommen.
Inzwischen ist es viertel vor acht, ich packe den Rucksack, setze den Großen in seinen Rehabuggy und warte darauf, dass der Fahrdienst klingelt, um ihn abzuholen. Die Schule startet nämlich um zwanzig nach acht, denn auch behinderte Kinder haben in Deutschland Schulpflicht, wie mir der Direktor mit vor Stolz geschwellter Brust bei der Besichtigung sagte.
Kaum habe ich den Großen in die vertrauensvollen Hände des Fahrers übergeben, werde ich vom Kleinen überfallen, der mit mir streitet, ob er sein neues Spielzeugauto mit in den Kindergarten nehmen darf.
Ich gewinne und er bringt es zurück in sein Zimmer – aber in jedem Krieg gibt es Verluste, also musste ich ihn mit einem Ü-Ei nach dem Kindergarten bestechen.
Während mein Mann den Lightning McQueen Rucksack mit der Brotdose gepackt und den Kleinen angezogen hat, habe ich mich mit Schuhen und Jacke bewaffnet und zu dritt verlassen wir um halb neun das Haus, um das Energiebündel in den Kindergarten zu bringen.

Als ich endlich wieder zur Tür meiner Wohnung rein komme, ist es bereits zwanzig nach neun, weil wir auf dem Rückweg schnell noch den Einkauf erledigt haben.
Ich gönne mir zum ersten Mal an diesem Morgen eine Zigarette und genieße die fünf Minuten Ruhe, die ich mir redlich verdient habe.
Um halb zehn bewaffne ich mich mit Eimer und Schrubber – der Staubsauger steht ebenfalls bereit – und ich mache mich an die tägliche Hausarbeit. Fünf Männer im Haus machen Dreck. (Gut, zwei davon sind Kater, aber Nicht-Haustierbesitzer würden sich wundern, wie viel Schmutz zwei Stubenkater machen können.)
Ich befülle den Trockner mit der frisch gewaschenen Wäsche und schmeiße eine neue Waschmaschine an, ehe ich zu Ed Sheeran, der über Spotify auf dem Fernseher dröhnt, tanzend und singend den Staubsauger durch alle Räume schwinge.
Mein Mann macht in der Zwischenzeit eine Spülmaschine und bringt den Müll weg.
Als mir mein Handy zwölf Uhr zeigt, habe ich gerade das Pflegebett des Großen gewischt und neu bezogen und ich entscheide mich dazu, mir fünf Minuten auf der Couch zu gönnen.
Ich scrolle mich durch Twitter und Facebook, schaue mir Tasty-Videos an und nehme mir vor, das irgendwann mal nachzukochen und letztendlich tue ich es ja doch nicht.
Nebenher läuft Punkt 12, weil mein Mann diesen Mist jeden Tag laufen hat und ich gebe mir alle Mühe, RTL irgendwie auszublenden.
Aus den fünf Minuten sind eine halbe Stunde geworden, in der ich mich durch Katzenbilder und lustige Tweets gewühlt habe, also muss ich aufstehen und Mittagessen kochen.
Der Kleine isst zu Mittag im Kindergarten, also muss nur eine Kleinigkeit für meinen Mann und mich her.
Während die Nudeln so vor sich hin köcheln, schweifen meine Gedanken das erste Mal zu meinem Manuskript.

Ich müsste schreiben. Um schreiben zu können, müsste ich erstmal plotten. Ich muss mich erst wieder einlesen, keine Ahnung, wo ich aufgehört habe. Wenn das so weitergeht, werde ich das Ding niemals fertig bekommen.

Vor lauter Gedanken wären die Nudeln beinahe überkocht und ich entscheide mich dazu, später darüber nachzudenken, wenn ich nichts mehr zu tun habe. Ha. Haha. Ha.
Das Essen ist gerade in den Mägen angekommen, da gibt es eine Verdauungskippe und schon ist es halb zwei. Zeit, den Kleinen aus dem Kindergarten abzuholen.
Wir setzen uns also ins Auto und fahren los, auf dem Weg dorthin wird schnell noch ein Pokestop gedreht, damit die Serie in Pokémon Go nicht verloren geht.
Es ist ein hartes Stück Arbeit, den Kleinen davon zu überzeugen, dass es Zuhause genauso cool ist, wie im Kindergarten. Letztendlich zieht nur das am Morgen versprochene Ü-Ei und er hüpft aufgeregt neben uns her.
Auf dem Rückweg halten wir am Edeka, denn natürlich fällt dem Papa ein, dass wir gar kein Ü-Ei mehr zuhause haben, also rennen wir in den Markt hinein und auf dem Band landet logischerweise viel mehr als das gewünschte Schokoladenei.
Das Kind wollte einen Joghurt, der Mann möchte heute abend “vielleicht” Chips essen und außerdem fehlt uns ja noch Gurke für den Salat, den es zum Abendessen geben soll.
Ich lege mir ein Mars aufs Band, weil ich glaube, dass ich den Zucker noch gebrauchen könnte.
Schnell geht’s zum Auto, denn wir haben inzwischen so viel Zeit vertrödelt, dass der Fahrdienst jede Minute vor der Tür stehen könnte, um den Großen nach Hause zu bringen.
Gerade fahren wir die Straße zum Haus hinein, da sehen wir im Rückspiegel auch schon das rote Auto mit der Aufschrift “Krankenfahrt”. Ich schnappe mir den Kleinen und den Einkauf, um schon in die Wohnung zu gehen, während mein Mann Kind samt Rehabuggy in Empfang nimmt und uns folgt.
Der Einkauf wird unter ständigem Wasserfallgeplappere des Vierjährigen verstaut, während ich hin und wieder “Mhm” und “Ja? Ist ja toll!” sage. Er erzählt mir, dass das Mädchen aus der anderen Gruppe ihn geschubst hat, er aber zur Entschuldigung ein Bild von ihr gemalt bekommen hat.
Besagtes Bild finde ich, als ich den Rucksack ausräume und nebenbei feststelle, dass Papa den Rand des Brotes wieder nicht abgeschnitten hat und deshalb das halbe Brot – ohne Wurst versteht sich – noch in in der Brotbox liegt.
Um viertel nach zwei setze ich mich mit dem Kleinen hin, der noch einen Schokoladen verschmierten Mund vom Ü-Ei hat, und spiele etwas mit seiner “Garage”. Die Autos machen einen widerlichen Krach und singen fröhliche Lieder, die mich den ganzen Tag nicht mehr loslassen werden.
Als er sich um drei dazu entscheidet, dass er keine Lust mehr hat und ins Wohnzimmer rennt, hieve ich mich und meine müden Knochen vom Boden, um ihm zu folgen.
Kaum im Wohnzimmer angekommen, schreit er mir ein “Komm her, Mama! Ich will mit dir kuscheln!” entgegen und so konsequent wie ich bin, setze ich mich natürlich auf die Couch und werde keine zehn Sekunden später als Kletterturm missbraucht, während mein Mann mich mitleidig ansieht.
Irgendwann kommt er auf die Idee, dass der Kleine ja einen Film schauen könnte, und wie nicht anders zu erwarten ist dieser Feuer und Flamme für diese Idee. Zwei Minuten später schauen wir zum dreihundertvierundzwanzigsten Mal Cars.
Sobald ich versuche, mich vom Sofa zu erheben, schlingen sich zwei Kinderhände um meinen Oberarm. “Bleib bitte hier.”
Also setze ich mich zurück aufs Sofa, nehme den kleinen Menschen, der sich an mich kuschelt, in meinen Arm und nicke bei den Monologen von Lightning McQueen fast ein.
Um halb fünf steht mein Mann auf und bereitet die Medikamente und Nahrung für den Großen vor, der, seitdem er nach Hause gekommen ist, hundemüde in seinem Pflegebett schläft.
Der Abspann des Filmes läuft und das Kind hüpft aufgeregt auf der Couch herum und verlangt nach mehr, doch ein Film reicht und dieses Mal schaffe ich es, hart zu bleiben. Ich besteche ihn damit, dass wir jetzt Abendessen machen gehen.
Er holt begeistert seinen Hocker und stellt sich neben mich an die Arbeitsplatte, schaut dabei zu, wie ich den Salat und das Gemüse kleinschneide und stibitzt sich hin und wieder ein Stück Schinken, das in den Salat sollte. Am Ende sollen es nur noch gefühlte zehn Streifen sein, die im Dressing schwimmen, doch wir lassen uns die Freude nicht nehmen und decken gemeinsam den Tisch, während mein Mann den Großen in seiner Sitzschale an den Essenstisch schiebt – zu Abend gegessen wird als Familie immerhin gemeinsam, auch wenn der Große nicht mitessen kann.
Inzwischen ist es halb sieben, alle sind in eine Art Fresskoma gefallen, aber immerhin ist der Salat leer. Wir sitzen auf der Couch, das Kind in meinen Armen, und lesen gemeinsam ein Buch (Die kleine Raupe Nimmersatt kann ich inzwischen auswendig sprechen, ich brauche kein Buch mehr dazu.) Der Mann schaut die Simpsons und auch der Vierjährige merkt langsam, dass diese gelben Menschen deutlich interessanter sind, als eine kleine, dicke Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt.
Also lege ich das Buch beiseite und schnappe mir mein Handy, um zu sehen, was ich in Instagram und Snapchat verpasst habe, während der Siebenjährige vor Freude brüllt und lacht und der Kleine ein kurzes “Pssssh” in seine Richtung schickt. .
Die Titelmusik von Galileo läuft, das Kind rennt ins Zimmer und holt Autos, die kurze Zeit später über meinen Körper fahren – näher war ich an einer Massage lange nicht mehr.
Galileo schaue ich mir tatsächlich an – mehr oder weniger jedenfalls –, insofern das Kind mich lässt und nicht wild bellend vor meinem Gesicht hängt und mich ableckt, weil es jetzt laut eigener Aussage ein Hund ist.
Um viertel vor acht mache ich mich daran, die letzte Flasche für den Großen vorzubereiten. Ich stehe für eine halbe Minute alleine in der Küche und lausche nichts weiter als dem Geräusch des Wasserkochers, bis ich Tappselschritte höre, die immer lauter werden.
Mit einem “Mama! Ich habe dich überall gesucht! Ich habe dich vermisst!” werde ich begrüßt, ehe sich zwei Kinderarme um meine Oberschenkel schlingen und das dazugehörige Kind verlangt, hochgenommen zu werden.
Ich mache ihm klar, dass das jetzt nicht geht und schaffe es irgendwie, ihn zu überreden, sich schon mal die Zähne putzen zu gehen. Papa hat den Großen mittlerweile ins Bett gelegt, steht jetzt im Türrahmen und wirft den Kleinen in die Höhe, als er sich umdreht, um ins Bad zu rennen.
Die Küche ist von Kinderlachen erfüllt und ich kann mich eigentlich nicht beschweren.
Im Kinderzimmer bereite ich die Medikamente zu und ziehe sie in eine Spritze auf, ehe ich die unendlichen Verriegelungen des Pflegebettes öffne.

Zehn Minuten später habe ich alles sondiert und nehme mir meine täglichen zehn Minuten, die ich nur dem Großen widme und kitzle ihn und singe ihm etwas vor und lache mit ihm. Er erhellt meinen inzwischen dunkel gewordenen Abend.

Mit einem Kuss auf die Stirn entlasse ich den Großen in die Nachtruhe, ehe ich ihn zudecke und mich dem auf dem Bett rumhüpfenden Vierjährigen widme. Er bekommt ebenfalls einen Kuss und natürlich muss noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen werden, weil er Papa ziemlich deutlich machte, dass er von Mama vorgelesen bekommen möchte.
Er entscheidet sich erneut für Die kleine Raupe Nimmersatt und auch er kann inzwischen alles mitsprechen. Papa spielt in der Zeit mit Kuscheltieren das Geschehen im Buch nach und bringt uns alle zum Lachen, ehe ich auch über diesen kleinen Körper eine Decke lege, einen ziemlich nassen Schmatzer auf den Mund bekomme und Papa die Einschlafmusik anmacht.
Der Letzte macht das Licht aus, also drücke ich mit einem letzten “Schlaf gut, ich hab dich lieb” auf den Schalter, doch ich bekomme als Antwort nur noch ein leises Schnarchen.
Die Katzen wurden bereits vom Mann versorgt und machen sich über ihr Nassfutter her, während er auf der Couch sitzt und das Abendprogramm durchforstet.
Wir sind eh zu spät, haben von allen Filmen die ersten fünf Minuten verpasst, also entscheiden wir uns für Wer wird Millionär und raten mehr schlecht als recht mit.
Bei einer besonders kniffligen Frage löst der Mann den Arm um mich und googlet. Schließlich kann man nicht bis zur Auflösung nach der Werbung warten, wenn der Wissensdurst zuschlägt.
Um viertel nach neun entscheide ich mich dazu, dass ich nun auch dem Mann genügend Aufmerksamkeit geschenkt habe und die Katze auf meinem Schoß gegen den Laptop tauschen könnte.
Ich fahre ihn hoch und öffne das Dokument, schiebe währenddessen die Katze fünfmal weg, die sich ihren Platz zurückerobern will, vollkommen egal, ob da nun ein Laptop liegt oder nicht, und starre schließlich auf den letzten Absatz des Manuskripts.
Und da fällt es mir auf. Ich habe mir den gesamten Tag keine wirklichen Gedanken darum gemacht, was ich eigentlich schreiben will. Ich habe mir keine Plotnotizen gemacht und auch ansonsten ist alles irgendwie doof.
Also starre ich auf das Dokument und beginne, wahllos etwas zu tippen – irgendwo wird es schon hineinpassen.
Während ich mich langsam ins Manuskript finde, bimmelt mein Handy. Eine E-Mail meines Betababys. Sie hat zwei neue Kapitel geschickt, die ich korrigieren soll, “wenn ich Zeit habe”. Ich weiß, dass ich keine Zeit habe, also nehme ich sie mir jetzt, wo ich doch eigentlich schreiben könnte.
Um halb zwölf schließe ich die Dokumente endlich, zurückschicken werde ich sie erst morgen. Jetzt ist mein Projekt dran.
In diesem Moment steht der Mann gähnend auf und fragt, ob ich mit ins Bett komme. Ich schaue zwischen ihm und dem Bildschirm hin und her, seufze und klappe den Laptop zu. Wird heute eh nichts mehr.
Im Bett scrolle ich durch Social Media, ich bin einfach zu müde, um etwas zu lesen oder gar noch darüber nachzudenken, was ich an meinem eigenen Roman schreiben könnte.
Irgendwann schaltet der Mann den Fernseher aus, es läuft ja eh nichts mehr Gescheites, gibt mir einen Kuss und dreht sich um. Ich tue es ihm gleich und versuche, die immer lauter werdenden Gedanken, dass ich endlich etwas schreiben müsste und, dass das so niemals was mit der Veröffentlichung wird, zu ignorieren. Das Mars liegt noch immer traurig im Kühlschrank.
Mein letzter Gedanke gilt dem Manuskript und, dass ich es morgen erneut versuchen werde. Irgendwann muss es ja schließlich mal klappen.

Christina Diart