Wenn man gerne schreibt und veröffentlicht, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, wenn man neben dem simplen und einsamen Schreiben auch lesen muss – Vorlesen.
Das ist eine von vielen Momenten der Wahrheit, man macht den ultimativen Test, man steht oder sitzt vor dem Publikum und hat nur den Text und die Stimme. Und hoffentlich ein Konzept davon, was man lesen möchte.
Mein Roman über den Glückskeks hatte ganz nette Bewertungen im Web, es sein lustig und rasant, so weit, so erhofft.

Da das Buch recht viele Wendungen macht, dachte ich, ich müsste von Vorne lesen, sonst wären entweder Spoiler oder nackte Verwirrung die Folge. Dass man mit kurzen, bestenfalls ebenso witzigen Sätzen auch einige langweilige Passagen überspringen könnte, ist mir erst später eingefallen.
Bühnenzeit ist konzentrierte Zeit, man muss, man darf nur das lesen, was wichtig ist, sei es eine gute Pointe, eine Liebesszene oder das Zerhackstückeln eines Mafiapaten.

Bei meiner ersten Lesung habe ich es mir zur frühen Mittagszeit auf einer Bühne, ganz am hinteren Rand der Leipziger Buchmesse, gemütlich gemacht. So gemütlich jedenfalls, wie man es mit einem Puls von gut 160 und zitternden Händen eben machen kann.
Vor mir war jemand auf der kleinen Bühne vom BVjA (Bundesverband junger Autoren), der einen postapokalyptischen Kampf um Leben, Tod und Drogenabusus vorlas. Also ein ausgezeichnetes Vorprogramm für meine philosophische Komödie in einem Kölner Taxi.
Als ich dann das erste Mal vor Publikum (elf Messebesucher, eine Reinigungskraft, ein Ordner) lesen durfte, habe ich das erste Mal ausprobieren können, ob die ersten zehn Seiten meines Buches in etwa so lustig wie der Gesamttext sind.

Wichtig: Wenn man zehn Seiten Lesen kann, lese man acht.

Ich habe den Text mit einem absoluten Minimum an Eloquenz und einem Maximum an Geschwindigkeit heruntergerattert. Keine Zeit für Denkpausen, keine Zeit für Lacher und keine Zeit, um einfach mal durchzuatmen. Das galt sowohl für mich, wie für mein Publikum, dem bald die Reinigungskraft abhanden gekommen und welches damit auf elf Leute geschrumpft war.
Obwohl ich es ihnen also beileibe nicht leicht gemacht habe, haben die Leute gelacht, uns zwar durchaus an den richtigen Stellen. Ich sagte nett „Danke“ und erntete ein Klatschen.
Test bestanden, ich hatte mir den Gratiskaffee, den die Stadttouristik aus Halle an der Saale verteilte, redlich verdient.

Mit zwei eigenständigen Texten stand ich Monate später an zwei Abenden auf der Bühne bei Kunst gegen Bares, ein Konzept, das sich zu googlen lohnt und in Köln das Licht der Welt erblickt hat.
Kurz dazu: Es ist ein Open-Stage-Programm mit lustigen Moderatoren, bei dem das Publikum über die Kunst mit den sicher schönsten Stimmzetteln der Welt abstimmt – Mit Geld in bunte Sparschweinchen.
In immer mehr Städten gibt es Ableger, es lohnt sich sowohl auf der Bühne, als auch im Publikum, daran teilzuhaben.
Auch bei diesen Auftritten haben die Leute gelacht und auch hier an den Stellen, die ich mir dafür überlegt hatte. Und einmal ist darüber hinaus die Abstimmung zu meinen Gunsten verlaufen. Das war überraschend, hatte ich doch mit einem Hybriden aus Helge Scheider und Mambo Kurt und einer Frau, die sehr ausdrucksstark ihr Handy anschrie, sehr würdige Konkurrenten.

Wieder durfte ich etwas lernen und ich brauchte zwei Auftritte dafür.
Ein Mikro in der Hand wirkt showmastermäßig.
Ein Buch in der Hand wirkt intellektuell und unterstreicht das, was eine Lesung von einer Kabarettnummer unterscheidet.
Beides zusammen nimmt einem jede Möglichkeit, den Auftritt durch Gesten zu würzen. Stattdessen habe ich hin- und hergewippt. Damit war ich prädestiniert als menschlicher Schaukelstuhl. Was macht ein Schaukelstühl? Müde.

Ich kann jedem Empfehlen, mit den Texten an die Öffentlichkeit zu gehen, und damit meine ich Öffentlichkeit, nicht diese Imitation dessen, die man Facebook oder YouTube nennt.
Mittlerweile zittert meine Stimme kaum mehr, ich habe begonnen meine Texte deutlich langsamer und damit deutlich wirkungsvoller vorzutragen und arbeite daran, auch nur das vorzulesen, was sich lohnt.

Davon einmal ganz abgesehen, was man selbst auf der Bühne oder hinter einem Campingtisch so treibt, ist es toll sich auf Lesungen anderer Autoren zu tummeln. Dabei ist es fast egal, ob man die werten Kollegen nachher überfällt und mit Fragen löchert oder einfach nickend nach dem Endapplaus aus dem Raum verschwindet.
Gerade diese dichte Form der Erzählung kann Wunder wirken, was die eigene Inspiration angeht und das Gefühl schärfen, welche Szene sich vorzulesen lohnt.
Meine Empfehlung: Lesen und lesen lassen.

Wie sind Eure Erfahrungen?

Christoph Stark