Der Bankräuber ist ein verschlagener Typ, vielleicht mit Narbe auf der Wange, der überfallene Bankberater ist blass und in China tragen sie lustige Hüte. Alles Klischees, die man kennt und die Leser kennen sie auch. Ich sitze in einer unbedeutenden chinesischen Stadt von sechs Millionen Einwohnern und habe nach zwei Tagen keinen anderen Europäer gesehen, darum ist hier alles so real und klischeebelastet, wie es eben geht. Man hört tatsächlich überall dudelnde Musik, die unzähligen Motorroller sind eine Pest, überall Giebeldächlein, die Klos sind vollgeschissene Löcher im Boden und, ja, die Omas von der Straßenreinigung tragen Strohhut wie in den Filmen aus den 70er Jahren, in denen jedermann Kung-Fu-Meister ist.

Das zugleich interessant wie irritierend, man fühlt sich gleichzeitig sicher wenn das, was man erwartet, auch eintritt, wundert sich aber auch über die Vorhersagbarkeit. Man schmunzelt vielleicht, weil das doch etwas zu nahe an den Erwartungen ist. Ich hätte niemals eine solche dudelnde Chinaimbissmusik aus hundert Verkaufsständen und Schuhgeschäften erwartet. Auf der anderen Seite  gibt es offenbar keine Glückskekse in China, die Züge können es locker mit denen der DB aufnehmen, überall schießen moderne Hochhäuser aus dem Boden und alles läuft bestens geplant, fast bin ich geneigt zu sagen deutsch. Das ist manchmal sehr unerwartet und daher ebenfalls äußerst interessant. Man lernt Neues, der Wechsel des Sichergeglaubten ist eine Nachricht, die man sich merkt, sei es intellektuell oder gefühlsmäßig. Das ist wie die Nachricht „Mann beißt Hund“, die deutlich spannender ist als „Hund beißt Mann“.

Was hat das mit dem Schreiben zu tun?

Der verschlagene Bankräuber mit der Narbe  ist ein Klischee, man fühlt sich in der Geschichte zuhause. Er trifft auf den blassen Bankberater und die unausweichliche Handlung vollzieht sich. Solche Punkte der Anknüpfung sind wichtig, der Leser soll irgendwo ankommen, wo er sich hineindenken und -fühlen kann.
Aber alleine darauf zurückzugreifen  macht keine Geschichte aus,  es wird langweilig, schlimmer noch, es ist komplett vorhersehbar.
Wenn der Bankräuber ein veganer Lyriker mit Mutterkomplex ist? Wenn er Geld braucht, um eine last-minute Geschlechtsumwandlung vor dem Termin beim Standesamt zu machen und nun eine wilde Verfolgungsjagd mit dem blassen Bankberater als Geisel  zum Chirurgen in Breslau beginnt?
Wenn der nicht ganz so blasse Bankberater in Wirklichkeit Kickboxweltmeister im Mittelgewicht ist und sich das rosafarben gemusterte Kurzärmelhemd vom Körper reißt und den verschlagenen Räuber verdrischt, sich dann aber fragt, warum er das macht, wenn er doch mit dem Geld in Novosibisk ein neues Leben beginnen könnte, wie er es immer, seit seiner Scheidung vor all den Jahren, erträumt hatte?
Oder wenn ein dritter Spieler, zum Beispiel ein schizophrener Mafiaboss, gerade in der Beratung mit dem blassen Bankberater sitzt und dem verschlagenen Bankräuber die Situation entreißt?
Man sollte immer die Klischees kennen und sie dann benutzen oder brechen, biegen oder links liegen lassen. Was man nicht machen sollte ist, sie außer Acht zu lassen. Gerade das Spielen mit den Erwartungen macht eine gute Geschichte aus.
Was meint ihr?

Christoph Stark